Interview zum Netzwerk "Roter Faden"
in Kernen im Remstal
Wie der sprichwörtliche „Rote Faden“ zieht sich „Der Rote Faden der Eltern, Kinder und Jugendliche begleitet“ in Kernen durch die Gemeinde.
Die Verantwortlichen im Bürgernetz Kernen haben sich auf die Fahnen geschrieben, Familien schon vor der Geburt des Kindes bis zur Einschulung zu begleiten. Aber auch dann ist noch nicht Schluss. Auch beim Übergang von der Schule in den Beruf stehen Ehrenamtliche den Jugendlichen mit Rat und Tat zur Seite.
Wir wollen das nachahmenswerte Projekt näher vorstellen und haben mit Volker Reissig gesprochen. Er ist beim Roten Faden im Leitungsteam verantwortlich für den Bereich der Elternbegleitung bis sechs Jahre während sich Margret Baur für die daran anschließende Bildungsbegleitung und Werner Artmann für den Übergang Schule-Beruf engagieren.
Redaktion: Wie kam es zum „Roten Faden“?
Volker Reissig: Am 25. Januar 2008 unterhielten sich Werner Artmann, Azubipate, und ich über Jugendliche die Schwierigkeiten haben, ihren Weg in den Beruf zu finden. Die Feststellung, dass „reparieren“ durch „vorbeugen“ ersetzt werden sollte, führte zur Einsicht, dass ehrenamtliche und professionelle Unterstützung wie ein Roter Faden Begleitung und Orientierung geben sollten. Bei dieser Gelegenheit entstand nicht nur das Programm, sondern auch der Name. Jetzt brauchte es eine Bestandsaufnahme. Es zeigte sich, dass zwischen 20 und 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen in unserer Gemeinde Unterstützungsbedarf haben – so die Erzieherinnen und LehrerInnen in Kernen. Diese Ausgangslage motiviert inzwischen 59 Ehrenamtliche in unserer Gemeinde. Zusätzlich kümmern sich elf Hauptamtliche in Teilzeit auf Initiative des Roten Fadens ebenfalls um Jugendliche in Kernen.
Redaktion: Gibt es einen Schwerpunkt beim „Roten Faden“ oder einen Bereich, durch den er sich besonders auszeichnet?
Volker Reissig: Manches gibt es auch woanders, wie Lesepaten, Lernbegleiter oder Azubipaten. Eine Besonderheit ist das durchgehende Netzwerk bis in die Arbeitswelt, das sich aus der vom Roten Faden erreichten engen Zusammenarbeit aller Beteiligten in Erziehung, Bildung und Ausbildung mit den Ehrenamtlichen ergibt. Das zeigt sich daran, dass wir nicht zur Konkurrenz wurden, sondern als willkommene Ergänzung wahrgenommen werden.
Redaktion: Viele Initiativen konzentrieren sich ja beispielsweise auf Frühe Hilfen, wenn die Kinder noch ganz klein sind. Warum ist das beim „Roten Faden“ anders?
Volker Reissig: Früh zu beginnen ist wichtig. Dr. Armin Schlosser, mein Vorgänger im Projektbereich 1, hat die Lücken geschlossen: Mütter müssen zu den Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskursen nicht mehr in die Nachbarorte. Die Familienbesucherinnen wurden eingeführt, um gleich nach der Geburt die Kinder willkommen zu heißen und die Eltern zu beglückwünschen, ein Geschenk der Gemeinde zu überbringen und bedarfsgerecht die Angebote für junge Eltern in der Gemeinde und im Kreis zu erläutern. Die Möglichkeit für Mütter mit Kindern im Alter bis zu einem Jahr sich zu treffen wurde ehrenamtlich organisiert. Ehrenamtliche Sprach- und Lesepaten helfen den Eltern und Kindern, deren Muttersprache nicht das Deutsche ist. Wir haben Deutschkurse für Migranten initiiert. 18 Ehrenamtliche sind in diesem Bereich tätig.
Der Rote Faden hört hier aber nicht auf. Margret Baur kümmert sich mit 20 Ehrenamtlichen um die Lernbegleitung an Grund-, Haupt- und Realschule, sowie an der Förderschule. Hinzu kommt die professionelle Ausbildung von elf Schülern als Lerncoaches. Des Weiteren wurden mit professioneller Hilfe Nachmittagsangebote für Schüler eingerichtet, die der Vereinsarbeit fern stehen. Dazu kommt demnächst eine ehrenamtlich geleitete Fahrradwerkstatt.
Im Bereich Übergang Schule-Beruf, geleitet von Werner Artmann, wird die Arbeit von 15 Azubipaten von einem Lehrer, der sich auch ehrenamtlich einsetzt, gefördert. Vier weitere Ehrenamtliche erwirkten Kooperationen mit 60 Kernener Betrieben und ermöglichen Jugendlichen Betriebsbesichtigungen, um sie in der Berufswahl praktisch zu unterstützen. Mit dem Eintritt in die Berufsausbildung steht Schülern eine individuelle professionelle Beratung zur Verfügung, die vom Roten Faden initiiert und ermöglicht wurde.
Somit hilft der Rote Faden Eltern, Kindern und Jugendlichen in Kernen, dass sie die deutsche Sprache beherrschen, eine stabile emotionale, gesunde und soziale Entwicklung erfahren, Kindergarten und Schule mit Gewinn besuchen und im Beruf einen sicheren Platz finden.
Redaktion: Bei all diesen verschiedenen Ansätzen sind Sie doch sicherlich auf breite Unterstützung angewiesen. Auf wen können Sie zählen?
Volker Reissig: Die Gemeinde hat für den Roten Faden eine wertvolle Verbindungsstelle zur Verwaltung bereitgestellt. Wir freuen uns über das Engagement des Bürgermeisters Stefan Altenberger, das der Fraktionen, die mit viel Zuspruch unsere Arbeit unterstützen. Dazu gehören Kooperationen mit dem Kreisjugendamt, dem Kreisgesundheitsamt, den Schulleitungen, dem Staatlichen Schulamt sowie mit der Agentur für Arbeit, den Kernener Betrieben und noch viele mehr. Auch die BürgerStiftung Kernen, die Kerner Volksbank und die Kreissparkasse Waiblingen gehören dazu. Aktion Mensch und SWR/Herzenssache fördern über unsere Kooperationspartner Berufsbildungswerk Waiblingen gGmbH und Kreisjugendring Rems-Murr zurzeit die Aktivitäten.
Redaktion: Welcher Erfahrungen haben Sie mit dem „Roten Faden“ gemacht? Wie ist die Resonanz?
Volker Reissig: Wir helfen und das spricht sich herum. Unsere zehn Prinzipien haben sich in den Augen der Mitbürger bewährt und führen dazu, dass wir immer wieder neue Ehrenamtliche einbinden können. Eine Auswahl der Prinzipien: Das Wohlergehen des Kindes und damit der Familien stehen im Mittelpunkt unserer Überlegungen. Wir fangen früh an, um später nicht „reparieren“ zu müssen. Wir wollen zu den Familien hingehen und um Mitarbeit werben.
Zum Erfolgsrezept gehört sicher auch, dass wir uns auf die drei unterschiedlichen Abschnitte des Kindseins, der Schulzeit und des Eintritts in die Arbeitswelt konzentrieren und für jeden eine Moderation eingerichtet haben, die sich mit weiteren Ehrenamtlichen um Nachfragen kümmern und Lösungen organisieren. In diese Organisation des Roten Fadens schließen wir alle Beteiligten ein. Wichtig ist, dass unsere Hilfe immer direkt den Eltern, Kindern und Jugendlichen zugute kommt oder aber Träger in ihren Aufgaben geholfen wird. Zurzeit erreichen 59 Ehrenamtliche rund 160 Kinder und Jugendliche mit Ihren Familien. Unsere Gemeinde ist stolz auf die Arbeit und alle die unsere Arbeit kennen, finden, dass vieles richtig gemacht wird. Unsere Arbeit hat uns schon viele Unterstützer eingebracht – einschließlich Zustiftungen an die BürgerStiftung Kernen. Wir haben den Bürgerpreis Rems-Murr 2010 erhalten. Die Bertelsmann Stiftung hält den Roten Faden für eine vorbildliches Netzwerk und Kooperation für andere Städte und Gemeinden.
Redaktion: Haben Sie bereits ein neues Projekt oder eine neue Idee im Auge, die Sie in Angriff nehmen wollen?
Volker Reissig: Wir ringen zusammen mit den Schulen, der Gemeinde und dem Staatlichen Schulamt darum, die zwölf Angebote an den Schulen, die wir mit Projektmitteln ermöglichten, nachhaltig abzusichern. Nachdem wir Lücken in den Unterstützungsangeboten geschlossen haben, werden wir Eltern stärker einbeziehen. Aufbauend auf der Arbeit der Azubipaten und den Kooperationen mit 60 Kernener Betrieben werden Werner Artmann und Margret Baur vom Roten Faden in einem neuen Projekt Eltern von Schülern der 7. und 8. Klasse in Workshops aktiv an der Berufsfindung für ihre Kinder teilnehmen. Und wir alle arbeiten daran, die Organisation nachhaltig zu gestalten.
Wir danken Ihnen für das Gespräch.
Informationen:
Volker Reissig
Römmelesweg 24
71394 Kernen im Remstal
Telefon 07151 206 121
volker.reissig@markation.de

Werner Artmann, Moderator im Roten Faden für den
3. Bereich "Begleitung in die Arbeitswelt",
Margret Baur, Moderatorin im Roten Faden für den
2. Bereich "Bildungsbegleitung",
Nicole Vollmer, Gemeinde Kernen,
Verbindungsstelle zum Roten Faden und
Volker Reisig, Moderator im Roten Faden
des Bereichs "Elternbegleitung" (von links nach rechts).
Wegmarken und die 3 Projektbereiche
