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Solidarisches Miteinander und
lebendige Nachbarschaft
Pilotprojekt „Interkulturell denken – lokal handeln“
in Buchen / Odenwald
Weiterbildungsangebot der Aktion Jugendschutz
setzt nachhaltige Impulse

Die Begriffe interkulturelle Kompetenz und interkulturelle Öffnung beschreiben im 21. Jahrhundert Schlüsselqualifikationen und sind in Zeiten der Globalisierung zugleich wichtige Handlungsgrundlagen. In diesen zentralen Handlungsfeldern geht die Stadt Buchen/Odenwald mit dem von der Aktion Jugendschutz Baden-Württemberg (ajs) initiierten landesweiten Pilotprojekt „Interkulturell denken – lokal handeln“ neue Wege. Kernelement des innovativen Projektes ist eine modulare, auf die spezifischen lokalen Bedürfnisse zugeschnittene, professionelle Weiterbildung zentraler Akteure in der Kommune. Praxisorientierte Elemente der Weiterbildung geben den Anstoß für zielgenaue soziale Aktivitäten, um die interkulturelle Öffnung vor Ort mit Leben zu erfüllen. Getragen durch die enge Zusammenarbeit unterschiedlichster Akteure in einem interdisziplinären Netzwerk wurden in der Stadt Buchen die ersten ehrgeizigen Projektziele erreicht.

Buchen - offen, lebendig und nicht ganz alltäglich!
Mit diesem Motto wirbt das im Nord-Osten der Metropolregion Rhein-Neckar gelegene Mittelzentrum im Landkreis Neckar-Odenwald. Über 18.000 Bürgerinnen und Bürger leben in den 14 Stadtteilen. Migrationsprozesse haben auch in Buchen die Bevölkerungsstruktur verändert. Über 20 Prozent der Einwohner haben einen Migrationshintergrund, darunter circa 2.500 russische Spätaussiedler und 1.200 Ausländer, überwiegend türkischer Nationalität. Auch wenn Zu- und Einwanderungen für die Aufnahmegesellschaft vor allem Bereicherung bedeuten, lösen sie zweifelsohne auch Probleme und (interkulturelle) Konflikte aus. Ungeachtet vielfältiger Integrationsbemühungen haben sich in Buchen Tendenzen der Absonderung von Bevölkerungsteilen („Russenviertel“ u. a.) und Ansätze von Parallelgesellschaften der verschiedenen Kulturen entwickelt.

Warum dieses Projekt?
Die Ergebnisse der im Jahr 2005 in Kooperation mit dem kriminologischen Institut der Universität Heidelberg durchgeführten repräsentativen Bürgerbefragung belegen, dass Defizite beim Sicherheitsgefühl der Bevölkerung in Buchen bestehen. Diese liegen vielfach in Vorurteilen gegenüber fremden Kulturen und (Falsch)Interpretationen sozialer Situationen -Stichwort Jugendliche im öffentlichen Raum- begründet. Dass es notwendig ist, die bisherige Integrationsarbeit weiter nachhaltig zu stärken, wurde auch durch die Ergebnisse der Schülerbefragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen im Jahr 2008 im Neckar-Odenwald-Kreis belegt. Die überdurchschnittliche Belastung bei psychischer Gewalt (Mobbing), Gewalttendenzen junger russischer Migranten, wesentliche innerfamiliäre Gewalterfahrungen türkischstämmiger Jugendlicher, gesteigerter Alkoholkonsum bei männlichen Jugendlichen und jungen Migranten als Intensiv-Schulschwänzer machen deutlich, wo der Schuh drückt.

Die Stadt Buchen sieht in der aktiven Förderung von Integration und interkulturellem Zusammenleben eine zentrale Herausforderung nachhaltiger Stadtentwicklung. Diese kann aber nur gelingen, wenn die Integrationsförderung als dauerhafte Querschnittsaufgabe nicht nur der Kommunalpolitik im engeren Sinne, sondern auch von anderen Akteuren und Institutionen wie Schulen, Betrieben, Kirchen, Wohlfahrtsverbänden, Vereinen, etc. ebenfalls nachhaltig angegangen wird. Das in der Stadt Buchen vorhandene große Potenzial bürgerschaftlichen Engagements bietet hierzu ideale Rahmenbedingungen. Dass aktive Integrationsförderung nicht nur als Handlungsfeld auf die kommunalpolitische Agenda gesetzt, sondern auch mit Projekten konkret angegangen wird, zeigt sich nicht zuletzt in den zahlreichen themenspezifischen, strukturierten Zusammenarbeitsformen verschiedener Akteure. Ungeachtet der zum Teil qualitativ hoch stehenden Einzelprojekte mit anerkannt guten Ergebnissen ist es bisher allerdings nicht gelungen, eine interdisziplinäre, ganzheitliche Strategie und bereichsübergreifende Koordination im Handlungsfeld Integration aufzubauen.

Der Weg zum Ziel beginnt mit dem ersten Schritt
Bei der Suche nach Lösungen war den Verantwortlichen in Buchen schnell klar, dass eine wirkungsvolle Integration nur gelingt, wenn die interkulturelle Kompetenz kommunaler Akteure durch themenspezifische Weiterbildungen gezielt gestärkt werden kann. Da kam der Newsletter der Aktion Jugenschutz (ajs) wie gerufen, denn darin war als landesweites Pilotprojekt ein Weiterbildungskonzept als Grundlage für die Stärkung interkultureller Öffnung auf lokaler Ebene ausgeschrieben. Nach einer schriftlichen Bewerbung und einem Auswahlgespräch im Kreis möglicher Projektteilnehmer hatte die Stadt Buchen die Nase schließlich vorne. Mit der gemeinsamen Weiterbildung über den Zeitraum eines Jahres wurde so erstmals die Möglichkeit geboten, sich abseits von hohem Handlungsdruck und unter den verschiedenen Blickwinkeln eines Netzwerkes mit den Facetten interkultureller Öffnung intensiv und zielgerichtet zu befassen. Bevor es losgehen konnte, waren neben organisatorischen Festlegungen zwei zentrale Fragen zu klären. Zum einen waren die Inhalte der Weiterbildung zu definieren und zum anderen die Teilnehmer auszuwählen.

Lokale Herausforderungen definieren Inhalte
Gelingende oder misslingende Integration und interkulturelles Zusammenleben entscheiden sich im Rahmen der Integrationspolitik „vor Ort“ in den Kommunen, in Betrieben, Schulen, Wohnquartieren und Nachbarschaften. Deshalb ist es ein Kernelement dieses Pilotprojektes, die Inhalte der geplanten Weiterbildung an lokalen Herausforderungen und Themenfeldern auszurichten. In Buchen standen in sechs zweitägigen Modulen neben der Sensibilisierung für die Themen Kultur, Migration, Diskriminierung und Rassismus insbesondere geschlechtsspezifische Arbeitsansätze sowie das Thema Migrationshintergründe im Fokus. Gesteuert wurde dieser Prozess durch den pädagogischen Leiter der Weiterbildung, Andreas Foitzik, der neben weiteren namhaften Referenten die skizzierten Inhalte vermittelte. Das Lehrprogramm der Fortbildung in Buchen ist auf der Homepage der ajs abrufbar (www.ajs-bw.de/pilotprojekt.html).

Beteiligung, Ressourcen und Potenziale
Umfang und Qualität der angebotenen Weiterbildung sowie eine finanzielle Eigenbeteiligung boten Gewähr dafür, motivierte und an einer dauerhaften Zusammenarbeit interessierte Akteure örtlich zuzuordnen. In Buchen ist es gelungen, nahezu alle relevanten Einrichtungen zu gewinnen. Grund-, Haupt-, Real- und Gewerbeschule, Jugendamt, Jugendzentrum, ein Jugendhilfeträger, Kirchen, ein örtlicher Moscheeverein, der türkische Elternbeirat, ein Bildungsträger des Arbeitsamtes, das örtliche Polizeirevier sowie die Stadt Buchen sind mit meist zwei Personen in dem 20-köpfigen Netzwerk vertreten. Als außerordentlich wertvoll erwies es sich, haupt- und ehrenamtliche Akteure in die Weiterbildung zu integrieren, und dass die in Buchen größten Migrantengruppen -Türken und Spätaussiedler- mit je zwei Teilnehmerinnen vertreten sind.

Interkulturelle Öffnung ist Chefsache!
Häufiger Kritikpunkt engagierter Akteure in der Integrationsarbeit -zuletzt im Rahmen einer themenzentrierten Veranstaltung in Bad Boll im November 2009- ist der mangelnde Rückhalt von Führungskräften. Dabei setzt die Kritik erstaunlicher Weise weniger an fehlender materieller Unterstützung an. Vielmehr wird bemängelt, dass Führungskräfte selbst nicht an (Fortbildungs-)Maßnahmen teilnehmen und dem Thema im „Tagesgeschäft“ keine vorrangige Bedeutung beimessen. Kern der Kritik: Die interkultureller Öffnung wird in der eigenen Institution vielfach nur als bloßes Lippenbekenntnis und als „nice to have“("schön, dass wir es haben"-)-Projekt betrachtet.
In Buchen hat man versucht, diesen Tendenzen entgegenzuwirken. Die Führungskräfte aller beteiligten elf Institutionen besuchten eine eintägige Schulung . Neben einem detaillierten Einblick in die Inhalte der Weiterbildung ihrer Kolleginnen und Kollegen, nahmen die Führungskräfte hier auch nachhaltige Impulse für den Prozess der interkulturellen Öffnung der eigenen Institutionen auf. Auch die Präsentation der Praxisprojekte war ein Pflichttermin für die Leitungsebenen. Allemal ein lohnenswerter, wie unmittelbare Rückmeldungen, aber auch die weitere Entwicklung zeigten. Den Teilnehmern an der Weiterbildung stärkte das in den eigenen Organisationen den Rücken. Es ist offensichtlich, dass all dies und die Verankerung in den Einrichtungen bei der Verwirklichung und Finanzierung von konkreten Maßnahmen von unschätzbarem Vorteil war.

Impulsoffensive Praxisprojekte
Praxisorientierte Elemente waren verpflichtender Bestandteil der Weiterbildung in Buchen. Neben zu dokumentierenden Interviews mit Migranten wurden Arbeitsgruppen gebildet, die sich zwischen den Weiterbildungsmodulen trafen, um unter professioneller Moderation zielgenau auf die örtlichen Bedürfnisse zugeschnittene Praxisprojekte zu entwickeln. Hierbei wurde das große Potenzial des Pilotprojektes nicht nur sichtbar, sondern im Sinne des Wortes erlebbar. Insgesamt elf Praxisprojekte wurden ursprünglich entwickelt. Weitere daran anschließende, aber auch völlig neue sind inzwischen dazugekommen.
Einige Beispiele: Die Ergebnisse der Umfrage einer Gruppe (Schule/Jugendzentrum) zu den Bedürfnissen von Eltern mit Migrationshintergrund mündeten inzwischen in zwei Folgeprojekten der Schülerhilfe sowie der Elternarbeit. Die von einer anderen Gruppe angestrebte engere Kooperation zwischen Jugendamt und Moscheeverein, wurde durch gegenseitige Besuche und Informationsabende mit Leben erfüllt. Die Berufsschule, ein Bildungsträger des Arbeitsamtes und die Polizei kümmern sich in gemeinsamen Veranstaltungen um Jugendliche und Heranwachsende. Höhepunkt dieses gelebten Miteinanders war das Kultur- und Kinderfest des türkischen Elternbeirats und des Moscheevereins, zu dem die gesamte Bevölkerung eingeladen war und an dem alle Projektteilnehmer mitgewirkt haben.

Ergebnisse und Perspektiven
Die ursprünglich geplante Weiterbildung ist abgeschlossen und die ersten Ergebnisse übertreffen die Erwartungen. Die Entwicklungen in Buchen werden aktuell im Auftrag der ajs wissenschaftlich evaluiert, doch bereits jetzt sind positive Effekte und Wirkungen festzustellen. Die Teilnehmer berichten über deutlich gewachsenes gegenseitiges Verständnis, wesentlich kürzere Wege, eine viel engere Kooperation und über individuelle Verhaltens- und Verfahrensänderungen. Mit den Praxisprojekten wurde eine breite Öffentlichkeit erreicht und so für das Thema empfänglich gemacht. Ebenso ist es hierbei gelungen weitere Akteure zu gewinnen und nicht zuletzt fanden viele Menschen bei ihren individuellen Anliegen konkret Unterstützung und Hilfe.
Regelmäßige Treffen des entstandenen Netzwerkes sowie zusätzliche Weiterbildungsmodule wurden bereits durchgeführt oder sind konzipiert. Schwerpunkte im kommenden Jahr bilden die interkulturelle Öffnung der beteiligten Institutionen, die Umsetzung weiterer Praxisprojekte, eine Ausweitung des Netzwerkes sowie die Ausbildung von zwei Teilnehmern zu interkulturellen Trainern und Beratern.

Ein (erstes) Fazit
Eine zukunftsfähige Integrationsarbeit erfordert nachhaltige und professionelle Aktivitäten auf lokaler Ebene, die weit über die reine Sprachförderung nach dem Zuwanderungsgesetz hinausgehen und alle zentralen Lebensbereiche umfassen. Daher gilt es, die interkulturelle Öffnung von Behörden und Institutionen sowie die Vernetzung von haupt- und ehrenamtlichen Akteuren zur Sicherung von Zukunftsfähigkeit und Gleichbehandlung in der Gemeinde weiter zu stärken. Das Pilotprojekt in der Stadt Buchen bildet mit seinem Ansatz zentrale Eckpunkte dieser Zielrichtung ab. Die Weiterbildung ist auf die konkreten lokalen Bedürfnisse zugeschnitten und für einen längeren Zeitraum geplant. Dadurch sichert sie eine deutliche Professionalisierung der Akteure. Außerdem gibt sie durch ihre Praxiselemente zugleich wichtige Impulse für die konkrete Arbeit vor Ort und bildet den idealen Nährboden für den Auf- oder Ausbau eines lokalen Netzwerkes.
Die Idee der Aktion Jugendschutz, diese Weiterbildung auf Basis bisheriger Fortbildungsveranstaltungen für regionale bzw. lokale Arbeitszusammenhänge zu konzipieren ist ebenso einleuchtend wie erhellend. Aus heutiger Sicht müsste man sie, sofern es sie nicht gäbe, erfinden. Die Erfahrungen und ersten Ergebnisse des noch jungen Projektes in der Stadt Buchen sprechen jedenfalls dafür.

Autoren: Simone Fleckenstein / Joachim Schneider
Redaktionell verantwortlich für Ehrenamtsportal: Brigitte Kieser /Landesbüro Ehrenamt



Die Autoren
Simone Fleckenstein ist Sozialpädagogin im Fachbereich Jugendhilfe des Landratsamt Neckar-Odenwald-Kreis, Teilnehmerin im Projekt „Interkulturell denken - lokal handeln“ und in zahlreichen Präventionsprojekten in Buchen federführend beteiligt.
E-Mail: simone.fleckenstein@neckar-odenwald-kreis.de

Joachim Schneider ist der Leiter des Polizeireviers in Buchen, Teilnehmer im Projekt „Interkulturell denken – lokal handeln“ und Mitglied der ständigen Projektgruppe „Prävention“ bei der Stadt Buchen. E-Mail: joachim.schneider2@polizei.bwl.de


Weitere Infos erhalten Sie bei:

Elisabeth Hell
Stadtverwaltung Buchen / Neckar-Odenwald-Kreis
Soziale Aufgaben und Vereine
Wimpinaplatz 3
74722 Buchen (Odenwald)
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E-Mail: elisabeth.hell@buchen.de

Joachim Schneider
Leiter Polizeirevier Buchen
Bödigheimer Straße 19
74722 Buchen
Telefon 06281/904-100
Fax 06281/904-119
E-Mail: joachim.schneider2@polizei.bwl.de